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Idee und Programm
Was will die Kulinaristik und warum benötigen wir sie?
Das Essen und Trinken prägt unseren Alltag und Festtag auf
vielfache, meist lustvolle Weise. Vor allem kulturspezifische
Normen, die moderne Nahrungsmittelindustrie und das Geflecht von
Bedeutungen, in denen Menschen im Rahmen von Makro-, Regional- und
Subkulturen ihre Erfahrungen interpretieren, bestimmen mit, was wir
wann wo mit wem und wie essen und trinken. Diese komplexen Prägungen
will die Kulinaristik erforschen und mittels Lehr- und
Weiterbildungsangeboten verdeutlichen. Sie ist als
multidisziplinäres Netzwerk gebaut. Sie versteht sich als
praxisdienliche Kultur- und Bildungswissenschaft. Sie wird
als Gemeinschaftsleistung benötigt, weil bislang keines der über
viertausend wissenschaftlichen Fächer die Problematik zu
seinem Schwerpunkt gemacht hat.
Den Namen "Kulinaristik" hat Alois Wierlacher in Analogie zu
"Logistik" oder "Germanistik" geschaffen, abgeleitet von lat.
culina ( = die Küche). Ausgangsbasis der Konzeption war die Annahme,
dass das Kulturphänomen Essen als individueller und kollektiver
Verhaltens-, Kommunikations-, Wert-, Symbol- und Handlungsbereich
den ganzen Menschen betrifft. Voraussetzung der Kulinaristik ist der
nachhaltige Kampf gegen den weltweiten Hunger. Ihr Ziel ist die
kooperative Erkenntnis der Rolle und Bedeutung des Essens und
Trinkens, der Gastlichkeit und des Genusses im Aufbau der Kultur(en),
in den Verständigungsprozessen zwischen den Menschen und in der
individuellen menschlichen Existenz; ihr Zweck ist die Stärkung unserer
kommunikativen und interkulturellen Kompetenz, unseres Kulturwissens
und unserer kulinarischen Bildung. Diese Bildung ist insbesondere in
den Überflussgesellschaften eine Existenzbedingung aller und darum
ein Politikum ersten Ranges geworden.
Was will das Forum?
Das Forum dient als Kommunikationsplattform der
theoretischen und praktischen Förderung der Kulinaristik in
Forschung, Lehre und Weiterbildung. Zu diesem Zweck arbeitet das
Forum mit Forschungsinstituten und Wissenschaftlern des In- und
Auslands, mit interessierten Unternehmern, mit dem Gastgewerbe, mit
Bildungsexperten, Ärzten, Köchen, Journalisten, Musikern und anderen
Künstlern zusammen. Es ergänzt die Arbeit der beiden von Alois
Wierlacher vor mehreren Jahren ins Leben gerufenen Institutionen des
"Internationalen Arbeitskreises für Kulturforschung des Essens"
(1994) und des gemeinnützigen Vereins "Deutsche Akademie für
Kulinaristik" (2000) um weiterführende Fragestellungen.
Die drei Kreise der Kulinaristik
Um die Thematik
und Komplexität der Kulinaristik auch Interessenten verständlich zu
machen, die sich bislang nicht in die Publikationen einlesen
konnten, hat Professor Wierlacher ein besonderes Strukturbild der
kulinaristischen Kommunikation entwickelt und bei der Eröffnung des
Forums am 5. Juli 2008 zum ersten Mal vorgetragen. Es lautet:
Stellen Sie sich auf Ihrem Handteller drei konzentrische Kreise vor.
Der innerste Kreis meint die Nutrition, also die Notwendigkeit zu
essen und zu trinken. Die Beachtung dieses Erfordernisses ist für
alle lebenswichtig; aus diesem Grund arbeitet die Kulinaristik mit
Naturwissenschaftlern, Ernährungswissenschaftlern und Medizinern
zusammen. Der zweite Kreis steht für die Kulturen, die aus dem Reich
der Notwendigkeit ein Reich der Vielfalt von Speisen und Getränke,
Regeln, Zeichen, Normen, Redeweisen und Symbolen machen und auf die
Art und Weise der Nutrition zurückwirken. Deshalb erweitern
Naturwissenschaftler, Ernährungswissenschaftler und Mediziner ihre
Blickwinkel und arbeiten mit den Kulturwissenschaftlern zusammen.
Der dritte und umfassende Kreis repräsentiert die Gastlichkeit. Sie
hält das Ganze unserer nutritiven, kulturellen und zeitlich
begrenzten individuellen Existenz im Zusammenleben der Menschen,
Völker und Nationen zusammen und ist das Rahmenthema der
Kulinaristik.
21.07.2010
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